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Tagebuch 04


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*namen zum teil geändert

 

samstag, 25. dezember 04

nicht mehr ganz im alten...auf der schwelle zum neuen. noch in der luft.  unterwegs. sind wir das denn nicht immer?????

...und nur im bejahen dieses zustandes ist glückseligkeit möglich...

 

freitag, 24. dezember 04

heiligabend. ruhe vor dem sturm. alles ist bereit. ausser dem essen, dass ich zu meinen freundInnen mitbringe. habe aufgeräumt, geputzt und fühle mich bereit. bereit wozu? für das neue, das kommt. das jahreshoroskop, das luisa francia jeweils macht, tönt für mich als zwilling sehr optimistisch und ich bin gespannt, was das neue jahr bereithält. nicht, dass ich mich in erwartungen aufhalte, nein, ich will einfach nehmen, wie es kommt. als ich vor ein paar tagen mit einem lieben freund telefonierte, sagte ich: "jetzt bin ich bereit, auf der sonnenseite zu leben. ich habe genug gelitten, jetzt habe ich gutes 'zu gut'." zwar habe ich es einfach so von der leber weg mit humorvollem ton gesagt, aber hintennach habe ich gespürt, dass ich das auch glaube, glauben will. nicht, dass ich da irgendwie an göttliche buchhaltung denke, eher so, dass ich mich dem guten und beglückenden leben (ja, das gibt es eben auch, neben den 'nicht beeinflussbaren' - oder doch beeinflussten karmischen? - schicksalsschlägen) auftun will. glauben will, glaube, dass es eben auch von meiner haltung dem leben gegenüber abhängt, wie es mir geht, oder wie ich mit dem was da ist, umgehe!!!??? ich freue mich nun auf die tage mit freunden und auch auf die paar tage in der hütte (auch mit lieben leuten). und dann, am ersten januar, auf die schwitzhütte!!! ich wünsche allen leserInnen ebenfalls gute aufbruchstimmung und eine gute zeit der übergänge und der wandlung!

wer luisas horoskop lesen will, klicke auf: 
http://www.salamandra.de/mondocane/template.php?nummer=20

 

montag, 20. dezember 04

als ich durch den wald spazierte und zwei dekorierte tannenbäume sah, überfielen mich erinnerungen. im frühling vor bald drei jahren, nachdem lars weihnachten mit christbaum wirklich zum ersten mal sehr bewusst erlebt hatte, war kein tannenbäumli mehr vor ihm sicher: in liebevoller fleissarbeit dekorierte er sie mit schönen blättern, mit efeugirlanden, mit allem, was der wald hergab. die hingabe seines tuns war so berührend, und die erinnerung daran im ersten moment wie eine keule. erinnerungen - dämonen? engel?

mir ist einmal mehr bewusst geworden, dass ich es selber in der hand habe, was ich mit ihnen, den erinnerungen, anstellen will. zuerst habe ich einfach den tiefen schmerz gespürt, als ich mich unvermittelt daran erinnerte, dass ich mit lars keine tannenbäumli mehr würde dekorieren können. mit ihm auch keine lieder mehr unter den kleinen tannen  singen würde. schmerz. trauer. einmal mehr! nicht unbekannt, aber doch jedesmal wieder anders. das vermissen auch dieser einzigartigen liebe, die ich so - in dieser selbstlosen hingebungsvollen art - bisher nur in der beziehung zu lars erlebt habe: mutterliebe eben! dann hinsehen: will ich mich von der erinnerung runterziehen lassen oder will ich mich nicht besser freuen daran, dass ich es überhaupt erlebt habe? das ich lars gekannt habe?

Und er lachte wieder. „Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du: froh sein, mich gekannt zu haben. Du wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen, gerade so, zum Vergnügen... Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen: ,Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen!’“ Und sie werden dich für verrückt halten. Ich werde dir einen hübschen Streich gespielt haben...." 
Antoine de St. Éxupéry im 'Kleinen Prinzen'.

 

montag, 13. dezember 04

die nebeldecke kann einer schon zusetzen! seit tagen, seit ich wusste, dass ich mich am sonntag mit salomé* irgendwo treffen würde, spürte ich das berner oberland rufen! diese gegend, die ich bis vor anderthalb jahren vor der haustüre hatte und oftmals mit claudio* und lars abgewandert bin: sie sollte nun endlich 'neu gefüllt' werden mit 'neuen erfahrungen'. ich habe salomé im emmental, wo sie gemeinsame freundInnen besucht hatte, abgeholt. bereits nach burgdorf fuhr ich durch eine zauberhafte rauhreifbehangene wunderwelt. dieses wechselspiel von sonne und sich auflösendem nebel. atemberaubend...!!!!

gemeinsam sind wir durchs emmental richtung thunersee gefahren. wir sind schliesslich von steffisburg her ins tal 'gestiegen' und waren von langenegg an (oder so?) wieder in der nebelsuppe, was mich überrascht hatte.... und da - als wir durch steffisburg fuhren - zog es mich an die erlenstrasse. ich wollte ganz unerwartet salomé* 'unser' altes, neugebautes haus zeigen. erstaunlich: man sieht absolut nichts mehr vom unglück. sie meinte, dass das irgendwie gut sei: dass sich die besitzer nicht von der handlung eines einzelnen abhalten liessen, ihre vorstellungen auszuführen, nämlich da ein haus, so und so gebaut, haben zu wollen. so habe ich es noch gar nie gesehen.... 

schliesslich fuhren wir richtung beatenbucht, weil ich einfach so ein reissen nach dem beatenberg hatte. unterwegs: dicker nebel! und dann die enttäuschung: die bahn ist in revision (bis juni 05). was tun? mich eine runde nerven! und dann halt über unterseen der strasse nach rauf? gesagt, getan! durch den nebel brechen! sonne!!! trotz bisschen stau hat es sich gelohnt!!!!

oben angekommen, habe ich es so richtig aufgesogen und sehr tief wahrgenommen, diesen berg mit seinem traumhaften panorama anders zu füllen: mit salomé*, statt mit claudio* da zu sein... aber auch: ohne lars! das war schon gewöhnungsbedürftig!!! wir sind bis zum letzten alpenglühen da oben gewesen, manchmal einfach nur in die stille hineinhorchend und staunend über die schönheit und klarheit dieser uralten alpenwelt!

...und zuhause erwartet mich mein kleiner kater lio, der sich in meinem altar eingenistet hat! 

noch was zu weihnachten: "wirkliches schenken hat(te) sein glück in der imagination des glücks des beschenkten. 
es heisst wählen, zeit aufwenden, aus seinem weg gehen, den anderen als subjekt denken: das gegenteil von vergesslichkeit!" sagte theodor w. adorno in 'minima moralia'

 

freitag, 10. dezember 04

es weihnachtet und viele fragen mich, wie es ist, meine zweite weihnacht ohne lars zu feiern. 

tatsache ist, dass ich schon immer eine ziemliche weihnachtsmuffelin war. auf der anderen seite ist es aber auch eine zeit, wo ich nicht gerne alleine bin. und zum dritten merke ich, wie mir der geschenke-virus jedes jahr mehr auf die nerven geht.... tja. was tun? ich verbringe die weihnachts- und altjahrstage bei freundInnen mit und ohne kindern und werde NUR symbolische geschenke mitbringen... geschichten... mich... nix materie.... denn ich kann ja nicht wasser1 trinken, wenn ich wein1 predige... merke einfach, dass ich mich nicht mehr einfach immer anpassen kann, wenn mir etwas nicht entspricht. und so werde ich kreativ und suche neue authentische wege für mich...  zum beispiel zum stichwort 'materielles schenken': das kann ich ja dann wieder das ganze jahr, spontan, wie immer.... ;-) schenken komme von ausschenken, habe ich neulich gelesen. dem/r anderen ein getränk, das den durst stillt - auch im übertragenen sinne! - ausschenken!!!! oder: von meinem überfluss, von mir teilen... das bild vom gefüllten krug, es gefällt mir... aber eben: schenken dann, wann ich es spüre und will, nicht dann, wann die wirtschaft (ähm, sorry, :-) meine natürlich: der kalender...) es mir vorschreibt...

ob ich lars um weihnachten rum mehr oder weniger vermisse? ich weiss es gar nicht. das vermissen ist eh immer mal so, mal so. manchmal brauchts nur einen hauch von erinnerung, eine melodie im hinterkopf oder aus dem radio irgendwo, und ich denke an ihn und muss (oder darf) weinen.... dann wieder gibt es zeiten, wo das vermissen einfach eine 'tatsache' ist.

weihnachten mit lars? war für mich das blicken aus der (uns erwachsenen verloren gegangenen) kinderperspektive auf all die lichter und träume... noch nicht gekoppelt mit ent-täuschungen über nicht passende geschenke... ja, manchmal hab ich - weil lars eben (noch?) gar nicht so materiell drauf war - gedacht, dass ich bei ihm gar nicht beim geschenke-rummel mitmachen will... claudio* dachte auch so. so hatten wir halt einfach viel kerzenlicht gehabt in jenen tagen. sogar einen christbaum mit schönen, aber leeren!, dekogeschenken drunter! 

für mich ist eben die zeit um weihnachten vorallem das feiern des lichts. das ende der dunklen zeit: sonnwende!!!! und doch, auch ich werde ein bisschen sentimental und denke, dass es doch in der kindheit einfach schöner war... naja....

(1 ja, das ist eine absichtliche umkehrung!!!!)

 

dienstag, 30. november 04

ich habe am sonntag bei einem familienstellen (wo andere menschen meine familienmitglieder stellvertretend darstellten) eine sehr schöne erfahrung gemacht: ich durfte lars endlich die abschiedsumarmung, die mir immer 'gefehlt' hatte, geben. 

bereits am samstag auf dem friedhof - ich hatte freundInnen in bern besucht - spürte ich, dass es bei mir wieder noch mehr um abschied nehmen geht. schon dort spürte ich, wie ich einfach noch mehr loslassen soll - nicht als schikane, sondern zum heiler werden! ja, loslassen. und zwar nicht in bezug auf meine liebe zu lars, aber in bezug auf meine zukunft: lars ist nicht meine zukunft, jedenfalls nicht der physisch anwesende lars. zwar kann mir niemand lars ersetzen, aber ich gehe hier auf der erde, ohne seine körperliche anwesenheit, weiter. ich konnte und kann lars danken für seine anwesenheit, seine nähe, die ich noch immer weiss und wahrnehme. aber eben auch: ihn verabschieden. und ich weiss, dass ich damit wieder ein bisschen mehr heilung erfahren darf.

 

donnerstag, 25. november 04

immer wieder werde ich gefragt, was ich eigentlich über das leben und das sterben denke. ja, es ist schon so: meine spiritualität ist für mich sehr wichtig, aber sie darf nicht abgehoben sondern muss alltagskompatibel sein. was früher in meinem leben mehr so 'theorie' war oder philosophie, ist seit dem tod von lars lebbar geworden, für mich 'wahr', hilfreich und lebendig, auch in krisenzeit beständig. was ich glaube ist meine persönliche mischung, die kann ich niemandem überstülpen. mein 'wichtigstes wissen' ist das, dass sich alles verändert und dass alles miteinander zusammenhängt. auch habe ich, was ich heute glaube, weniger durch bücher als durch erfahrungen gelernt, erkannt... und doch gibt es schon das eine oder andere buch, das mir gut getan hat! vorallem die bücher von luisa francia. luisa habe ich schon vor einigen jahren in frauenritual-seminaren kennengelernt und gesehen, dass sie authentisch ist, lebt, was sie sagt und denkt. ihre bücher haben mir immer wieder den mut zum weiterleben gegeben. nicht nur als trauernde mutter, sondern auch - und vorallem - als frau bin ich sehr dankbar über ihre klare weltsicht: mit humor und selbstkritik, mit beherztheit und engagement macht sie mut, eigenständig zu leben.

mehr über sie auf www.salamandra.de, wo auch ihre bücher zu finden sind.


zum bestellen auf buch klicken!

 

dienstag, 16. november 04

 

statt hände flügel.... 

gestern war der wald noch schöner als sonst! sonnenstrahlen! wie ein kind fühle ich mich manchmal, riechen, spüren... zwischen den bäumen, neben den wegen,  über die knisternden blätter waten und mich an den strahlen der sonne freuen. bin auf die erde gelegen und habe in die wipfel geschaut, wie ich es als kind machte - warum auch nicht! lars habe ich ganz nahe gespürt... 
mich erinnert an unsere täglichen herbstwald-ausflüge. die rutschpartien auf dem hosenboden über die mit laub bedeckten abhänge... 

dann, zurück zuhause, habe ich endlich den ton hervorgeholt, den ich mit lars fünf tage vor seinem tod noch so lustvoll bearbeitet hatte. wir hatten damals gepflotscht, weil der ton eingetrocknet war und mit wasser neu gewässert werden musste. diesen ton habe ich nun - wie damals, da ich ihn seither nicht mehr angerührt habe - wieder gewässert und voll wonne geknetet. habe lars lachen über meine sinnliche freude an diesem so einfachen vergnügen gespürt. ich möchte aus diesem ton etwas fürs grab kreieren. brennen lassen. aus dem feinen ton, den ich noch immer habe, ist ein ton-engel mit einem lausbubengesicht entstanden. ich glaube, lars freut sich über meine kreativen ideen, die ich zur zeit habe. auch sonst geschieht so viel - innerlich und äusserlich, viele gute kontakte, zu neuen und zu bekannten menschen...  heilsames, wohltuendes!

 

mittwoch, 10. november 04

 

unser frauentreffen war diesmal sehr erdig - ist es zwar immer, finde ich. wir haben ton bearbeitet. ohne ziel, oder war es einfach eine art selbstdarstellung? spüren, was der ton in meiner hand für eine gestalt findet. eine sehr sinnliche erfahrung. meins war zuerst eine kugel, danach eine runde schale, die darauf vier 'ecken' bekam. ich gebar eine art höhle, eine offene höhle. wie eine orchidee, ein 'löiemüüli' - offen, aber doch geborgen, geborgen, aber doch offen... eine schöne erfahrung, die mich dann am montag und dienstag zu malen verleitet hat... habe zum glück mal wieder so einen kreativen schub und denke, dass ich diese erfahrungen  für das trauer-album, das wir als folge der trauerseminar-arbeit zu machen beschlossen haben, verwenden werde.

 

trauerberg
die sehnsucht nach heilung und licht... das braune erdige ist nicht einfach schlecht, weil 'unten', und das 'oben' ist nicht einfach darum 'gut', sondern durchdrungen.... beides ist wichtig... beides gibt mir geborgenheit...

 

frau der erde - hügel - bin ich
liege hier
zerrissen
gerissen
aus meine mitte
du - mein sohn

in meiner mitte
explosion
blut
lavagleich
feuer
feuerball
sonnenaufgang
wandelt
tröstet
heilt
mein wundes herz

  © by dm/Jana

 

sonntag, 31. oktober 04

bin zurück aus dem trauerseminar-nachtreffen und bin nun, nach einem heissen bad, wieder zuhause gelandet. (das seminar bei dr. jorgos canacakis - vor einem jahr - war so nachhaltig, dass wir teilnehmenden beschlossen haben, uns zum nachbearbeiten zu treffen. das nächste seminar für trauernde eltern findet im februar 05 statt, bitte hier klicken für infos!)

ja, es war wirklich sehr gut, intensiv und auch spannend. mit von der partie waren auch die zwei ziemlich frischgeschlüpften buben zweier paare, die zuvor ihre töchter vor oder nach der geburt verloren haben.  wir haben uns zuerst mal hingesetzt um zu schauen, was wir für bedürfnisse haben. zuerst war das bedürfnis nach einer befindlichkeitsrunde, wer was in diesem 'jahr danach' erlebt hat. war schon recht persönlich. für die meisten ist im nachhinein der todes ihres kindes wie eine art initiation gewesen. 

auf einem schönen sonnigen spaziergang gab es dann zeit zum persönlicheren austauschen. an einem wirklich schönen platz im wald - auf einer lichtung - haben wir dann ein naturmandala, eine art altar aus naturgaben (blumen, äste, zapfen etc.) gelegt, wunderschön, und sind da lange in der stille gewesen, einer stille, in der wir unsere kinder sehr nahe gefühlt haben. nach dem angeregten znacht wieder im gruppenraum haben wir dann über einige ausgewählte fragen vom fragebogen, den wir jorgos abliefern sollten (damit er die nächsten seminare spezifischer vorbereiten kann) ausgetauscht. war recht intensiv. das gespäch über das 'album', das wir, als weitere aufgabe für uns (aber auch für die auswertung wichtig!) zu gestalten beschlossen haben, wurde dann auf heute, nach dem zmorge, geschoben. heute eben tauschten wir uns über die hindernisse für die arbeit am diesem album aus: ist es angst vor neuem schmerz? sind wir überfordert von der vermeitlichen aufgabe, 'schreiben' zu müssen undundund. wir kamen darin überein, dass die aufgabe ganz frei anzupacken ist, denn wir machen es ist ja primär für uns, nicht für jorgos und franziska. jorgos möchte allerdings auch 'material' von uns, um es für ein buch für verwaiste eltern verwenden. 

nachher sind wir nochmals zum waldmandala und haben kerzen für unsere kinder angezündet, einen gruss oder wunsch ausgesprochen und die kerzen nacheinander in den kreis gelegt. das war sehr berührend. mit einem schlusslied haben wir das treffen beendet. die kerzen haben wir mitgenommen, um sie zuhause weiterbrennen zu lassen. obwohl es gewindet hat, haben alle kerzen gebrannt, bis wir sie wieder hochgenommen haben.

ich fühle mich beschenkt, aber auch ausgekotzt. wir alle haben viel von uns gezeigt und das zusammensein war von vertrauen und mitgefühl geprägt. wie eine gemeinsame geschichte doch verbindet!

 

dienstag, 19. oktober 04

als ob das leben selbst mich prüfen würde, ob das, was ich schreibe, auch stimmt? als ob das leben selbst schauen will, ob es mir ernst ist, dass ich den schmerz zulassen will! am wochenende war ich mit verschiedenen familien - will auch heissen: mit verschiedenen kindern, vorallem in lars' alter! - zusammen. an sich schön! alles grosse und kleine menschen, die ich sehr gerne habe. aber es war, gelinde gesagt, schlimm. schon lange nicht mehr hatte ich so einen starken verlustschmerz gespürt wie in den letzten tagen. verlust nach familie, verlust nach lars. verlust. lücke. schmerz. gut, dass ich darüber reden konnte, reden kann. 

zwar wird dadurch die wunde nicht kleiner, aber geteilter schmerz ist besser zu ertragen. und immer wieder erlebe ich durch diese homepage, dass menschen zurückmelden, wie ihnen meine offenheit gut tut. danke für diese rückmeldungen!

und dennoch: wer ein kind geboren hat, weiss es: es gibt dinge, die wir einfach alleine (wenn auch mit hilfreicher unterstützung) tun müssen. gebären gehört dazu. und auch die trauer gehört zu diesen dingen, die sich nicht abkürzen lassen! und ich wünsche mir, dass unsere gesellschaft die trauer wieder integriert. dass wir uns trauen zu trauern, sei es um verstorbene oder auch um andere wunden, schmerzen und verluste!

 

freitag, 15. oktober 04

diese woche habe ich durchs lesen verschiedener bücher das thema ‚dekadenz unserer „verweichlichten“ gesellschaft’ (habe literatur aus pakistan/kinderarbeit und südafrika/apartheid gelesen) so nahe wie schon lange nicht mehr an mich ran gelassen. tja. schmerz ist ein zentrales thema unserer gesellschaft. oder auch: schmerzverhinderung. oder schmerzverdrängung. klar, wir alle wollen nicht leiden. ich nehme das so wahr, dass wir immer wieder in jene falle tappen, den fokus auf unserem schmerz zu haben. sei es bei unseren körperlichen, chronischen oder auch ‚nur’ temporären, oder aber bei unseren seelischen wunden. und wir suchen nach methoden, den schmerz auszuschalten. 

ich frage mich grad, ob das der weg ist, der uns wirklich heilt? klar, ich plädiere nicht dafür, schmerz zu suchen, dennoch frage ich mich, ob wir uns – vor allem beim seelischen schmerz, wie es der tod unseres kindes oder ähnliches hinterlässt – da nicht einen bärendienst tun?! schmerzvermeidung durch ablenkung oder betäubung ist doch nur ein verdrängen. ähnlich wie mit der angst. wenn wir vor ihr fortlaufen, wird sie grösser und immer unfassbarer. wenn wir durch den schmerz, durch die angst, oder was auch immer?, durchgehen, nehmen wir dem schmerz seine macht. wozu schmerz dient? will er uns auf ein ungleichgewicht aufmerksam machen? vermutlich. klar, das ziel ist gesundheit, ist - vermutlich - die schmerzfreiheit? im buch ‚oskar und die dame in rosa’ (das tagebuch der letzten tage eines krebskranken zehnjährigen buben) habe ich erkannt, dass wir auch im schmerz drin den fokus auf das ‚ja zum leben’ richten können. und das will ich. denn gerade in der letzten zeit ist wieder viel schmerz da, schmerz über den mangel. den mangel an ‚lars’. das grosse vermissen. aber wenn ich nun immer auf die lücke schaue, statt auf das was auch noch da ist, verliere ich die bodenhaftung. und die will ich, solange ich dieses leben lebe, behalten. hier und jetzt will ich leben.

 

mittwoch, 13. oktober 04

die tage sind grau, die nächste kühl oder schon fast kalt und ich lebe meine tage wie in einem seltsamen traum. mein langsames tempo wird durchbrochen von verschiedene aktivitäten (massieren, webdesign bei freunden, organisieren eines pflegheimplatzes für unsere tante undundund). daneben schreibe ich bewerbungen und frage mich, wie so oft, wie mein leben sich wohl weiter entwickelt. es gäbe so viel arbeit. und doch bin ich irgendwie auch nicht in der lage, mich ehrenamtlich irgendwo zu verpflichten. die vorteile dieses jetzt-zustandes ohne grosse verpflichtungen? ich lerne mit mir zusammen zu sein. 

der austausch mit meinen freund/innen, die zum teil ja auch ein kind verloren haben, ist noch immer not-wendig, ich sehe die vielen arten, wie menschen trauern können. und ich glaube, dass das "wie?" nicht so wichtig ist wie die tatsache, dass wir unsere trauer überhaupt zulassen und uns den platz dafür nehmen!

ich lerne, das sein als ebenso wertvoll wie das machen zu erkennen, muss aber schon sagen, dass das nicht immer leicht ist!

 

montag, 27. september 04

gestern war ich im zweiten 'kurs für mediale entwicklung' bei claudia zeier (siehe: www.zeiko-center.ch), die mir mit ihrer medialen arbeit im august (siehe eintrag vom 5. august) durch den mit clauido* und lars erlebten kontakt sehr viel heilsames ermöglicht hat auf meinem trauerweg. irgendwo habe ich mal die worte 'sich gesund trauern' aufgeschnappt. irgendwie bin ich immer mehr davon überzeugt, dass wir ohne trauerarbeit (ob da nun jemand gestorben ist oder ob wir einfach ganz alltäglichen schmerz verarbeiten) nicht heil werden können.

im gestrigen kurs hatte ich das 'vorrecht', dass die gruppe für mich eine sitzung machte. ich durfte viel trost aus den ermutigenden worten und gesten, bildern und begegnungen mit meinen verstorbenen ahninnen erfahren. dass sich eine mir unbekannte grossmutter (sie starb vor meiner geburt) sehr nachdrücklich an mich wandte, war eine trostvolle ermutigung für mich. auch claudio* zeigte sich mehrfach ziemlich deutlich und war leicht zu erkennen. seine liebe, die er durch gesten und worte ausdrückte, sind balsam für mein herz und lassen mich leichter den weg des verzeihens gehen.

denn das leben als eine mutter, die ihr kind verloren hat, dass wissen alle betroffenen genau!, ist alles andere als einfach. immer wieder ist da - trotz allem heilsamen - diese leere, dieses loch in der physischen welt, dass mein sohn zurück gelassen hat! aber es ist nicht selbstmitleid und auch nicht das mitleid meiner mitmenschen, dass am meisten hilft. es sind wir selber, die wir uns entscheiden, weiter zu gehen. mit dem schmerz der trauer.

 

dienstag, 21. september 04

mein leben fühlt sich wie das wetter draussen an, unbeständig, also wie gehabt. ich habe in den letzten wochen sehr intensiv am buchprojekt (siehe eintrag vom 18. august 04) gearbeitet, dass ich ja schon seit vielen monaten angebrütet hatte. und nun ist es soweit, dass ich es - jedenfalls einen repräsentativen teil davon - einem verlag vorlegen kann. ich habe es nun ausgedruckt und möchte es jetzt auf die post bringen! es brennt mir unter den nägeln. selbstzweifel. überhaupt: in mir ist eine spannung, die mich recht hudelt. wohl wegen dem buch, aber auch, weil ich mich in einem rechten umbruch fühle. ich habe eine mediale grundausbildung besucht am samstag und dabei gemerkt, dass ich wirklich lernen kann, meine 'innere stimme' als die stimme meiner spirituellen helfer besser zu hören. es war eine sehr gute erfahrung.

 

donnerstag, 9. september 04

in letzter zeit kommt mir immer wieder ein text von rilke in den sinn:

ich lebe mein leben in wachsenden ringen
die sich über die dinge ziehn.
ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn!

ich kreise um gott, um den uralten turm,
und ich kreise jahrtausende lang.
ich weiss noch nicht, bin ich ein falke, ein sturm,
oder ein grosser gesang?

das entspricht so meinem derzeitigen lebensgefühl. diese luftleere des raumes, der mich umgibt... diese gegewärtigkeit, dieses leben im jetzt, all die nahrhafte stille des alleinseins mit mir, all die lebendigen farben im zusammensein mit anderen... 

und doch! im rückspiegel manchmal die kleine angst vor dem ewig gleichen. dieses gefühl, schon lange an einer ampel mit rotlicht zu stehen und auf die grüne phase zu warten, die nicht kommt... ich übe mich mit geduld, wissend, dass mein glück oder unglück letztlich nicht von äusseren umständen (wieder eine arbeitsstelle zu haben, zum beispiel) abhängt... aber eben...

 

dienstag, 31. august 04

Des Todes rührendes Bild ist
nicht Schrecken dem Weisen
und
nicht Ende dem Glaubenden
Autor mir unbekannt

vor einigen tagen ist elisabeth kübler-ross gestorben. mein erster gedanke war: jetzt ist sie im licht, da, wo sie so viele menschen hin begleitet hat. dank ihren büchern und ihrer intensiven arbeit ist dem tod in den letzten jahren viel an seinem tabu-gehalt genommen worden. ich bin dankbar für die anregungen und den trost, den ich aus ihren büchern ziehen durfte. einige bücher sind auf der medientipps-seite vorgestellt. 

gestern war michelle* bei mir, die heute auch einen knapp vier jährigen sohn hätte, wenn.... wir haben uns beim seminar von dr. jorgos canacakis kennengelernt. wie gut es tut, mit menschen, die auch um ein kind trauern, aus zu tauschen. wir haben über die veränderungen in der trauer geredet. wie sich die trauer gewandelt hat, einerseits durch die persönliche trauerarbeit, andererseits aber auch durch die erfahrungen im trauerseminar. ich bin dankbar über die dort gemachten erfahrungen! ich bin dankbar für die feinen menschen, die ich dort kennen gelernt habe. 

manchmal staune ich, dass ich ausgerechnet durch die auseinander-
setzung mit dem thema tod - von lars, von claudio* und auch ganz allgemein - mehr lebensbejahung, mehr bewusste hinwendung zum leben gefunden habe! 

 

mittwoch, 18. august 04

mir geht es recht gut. ich realisiere, dass die trauerarbeit, die ich im letzten jahr gemacht habe und noch immer tue, gelingt. dass ich heilung erlebe, erlebt habe. 

immer wieder haben mir menschen mut gemacht, meine erfahrungen zu veröffentlichen. ich habe mich dann jeweils mit der ausrede heraus gewunden, dass ich das doch mit der homepage tue. in letzter zeit wurden die inputs immer häufiger, so dass ich sie endlich ernst zu nehmen begann. ob daraus ein buch entsteht, wird sich zeigen. aber ich spüre bereits, wie ich beim sammeln 'gewinne'. wie ich, durch das schreiben und das zusammenfassen meiner erfahrungen, meiner briefe an lars und meiner tagebucheinträge, mir selber über die schultern blicke und feststelle, dass sich so vieles in meinem leben zum guten gewendet hat. zwar bin ich noch immer auf stellensuche. aber ich bin motiviert. motiviert zu leben und hier meinen platz zu finden. mein buch soll, wie diese webseite, einen mutmachenden, lebensbejahenden charakter haben. als arbeitstitel habe ich 'statt händen flügel - wenn ein kind stirbt' gewählt. denn das einzige, was sich verändert, wenn jemand stirbt, so glaube ich es jedenfalls, ist die daseinsform. aus händen werden, bildlich gesprochen, flügel. die seele wird leicht, wird von materie befreit. aber die liebe ist unwandelbar, bleibt für immer bestehen!

 

mittwoch, 11. august 04

der besuch beim medium klingt nach. ich spüre die heilende kraft der begegnung mit claudio* und lars. sein 'freispruch' an meine adresse ist für mich balsam! wie eine rehabilitation! zwar habe ich ja im letzten jahr sehr daran gearbeitet, mich von diesem schuld-trauma zu lösen, und ich denke ich bin heiler geworden (keine frage!), dennoch: es ist für mich wie eine versöhnungstat von ihm, als würde er mir die hand reichen und endlich einsehen, wie es 'objektiv' war, nämlich dass er es war, der eine verschobene sicht des lebens hatte und die auf mit projziert hatte! es sind offenbar weniger die fakten des mediumbesuches als diese seine haltung, die mich entlasten. im wörtlichen sinne! und es lässt mich immer mehr versöhnend über ihn denken und fühlen.

vorgestern ist seine mutter gestorben, die ich hier josefine* nennen will. ihre gesundheit war schon lange sehr beeinträchtigt und sie lag die letzten wochen auf der intensivabteilung. wegen einer lungenembolie an der 'herzmaschine' angeschlossen. für sie freue ich mich sehr, dass sie endlich loslassen und gehen konnte. nun wieder mit claudio* und lars zusammensein kann. sie war eine sehr sensible, aber auch depressive frau, ich habe sie gemocht. für die zurückgebliebenen empfinde ich mitgefühl und mit-trauer. doch für sie spüre ich erleichterung. das leiden ist zu ende. das leben geht weiter. überall.

nun noch ein bisschen werbung in eigener sache: ich beginne sobald wie möglich (vermutlich ab nächster woche) mit massieren: 

ganz- und teilkörpermassagen. in aarau, 
in der nähe des bahnhofes.
 

interessent/innen finden detailierte infos auf dem flyer (hier klicken!).

 

donnerstag, 5. august 04

in letzter zeit habe ich realisiert, dass ich das leben auch ohne antworten auf alle fragen leben kann. oder besser gesagt, dass ich damit leben kann, dass sich fragen für mich temporär immer wieder anders beantworten lassen und dass ich nicht 'endgültige' antworten brauche, um leben zu können. gerade in den endgültigen antworten ist auch das potential zu fundamentalismus und dogmatismus. da ich nicht einen absolutistischen und alleinseligmachenden glauben habe, sondern ahne, dass wir alle(!), die wir auf der suche sind, nur immer einen teilausschnitt erkennen können, ist mein herz offen für verschiedene lebensarten.

mein persönliches 'bild vom himmel', das ich 'sommerland' nenne, ist schon lange kein 'jenseitiges' mehr. dort, weit oben, weit weg, der himmel, das paradies.... nein, glaub ich persönlich nicht. ich glaube, dass die verstorbenen sich überall aufhalten können, hier und jetzt, dort, in der zukunft, in der vergangenheit. dass sie aber nach wie vor diese sich entwickelnden seelen sind und nicht einfach - zack! - heilige. deshalb glaube ich persönlich eben auch an den sinn der reinkarnation. wenngleich ich trotzdem mein leben hier und jetzt leben will, ungeachtet der vergangenen und zukünftigen ebenen: ich kann nur hier und jetzt dieses mein jetziges leben leben! 

am 22. juni habe ich ja über den geplanten besuch bei der als medium arbeitenden frau zeier geschrieben. gestern war ich bei ihr. wer mehr über ihre arbeit wissen will, besuche doch ihre seite. da ich sehr positiv von ihrer sozialkompetenten und authentischen art - als mensch und als medium - angesprochen bin, empfehle ich trauernden eltern einen solchen besuch sehr gerne, da es mir wirklich sehr geholfen hat!

hier die homepage nochmals: www.zeiko-center.ch

ihr buch, 'die andere verbindung' wird auf der medientipps-seite vorgestellt. 

mein besuch bei ihr war ein intensives gespräch mit claudio*, der mich über die näheren umstände der explosion aufklärte, über seinen eigenen zustand sprach und mir von seinen schuldgefühlen erzählte. sein hauptanliegen an mich, war die bitte, dass ich ihm verzeihen möge, dass er seinen und auch lars' tod verursacht habe. 'das sei so nie seine absicht gewesen!' diesen satz hatte er mir praktisch auf die gleiche art knapp zwei wochen nach dem unglück im letzten sommer persönlich gesagt, denn auch ihn, nicht nur lars, habe ich seither schon wiederholt reden gehört. aus frau zeiers beschreibungen, die von mir ja nichts wusste, war es ganz leicht, claudio* zu erkennen. an den begebenheiten, die er ihr zeigte, war mir klar, dass das nur er sein konnte, und ich spürte, in allem traurigsein, doch auch seine liebe, die ihn bewog, mir das leben mit seinen aussagen zu erleichtern. besonders hilfreich war für mich, dass er betonte, dass ich das ganze nicht hätte verhindern können ohne mich selbst in gefahr zu begeben. ich gehöre auf die erde, hätte noch was zu tun... etwa so, also ähnlich wie auch die aussagen von lars zu früheren zeitpunkten.

lars beschrieb sie sehr treffend und ziemlich genau, sowohl vom äusseren (blonde krause haare, feine gesichtszüge) als auch vom charakter (sensitiv, einfühlsam, weise, reif). und er sei direkt vor mir, halte mich an den knien. ich habe ihn schon beim betreten des raumes gespürt, leider nicht durch physische wahrnehmung, aber einfach da, rechts neben mir. er lasse mich wissen, dass er mich sehr lieb habe und dass es ihm gut gehe. dass er sich sehr freue, wenn es mir gut gehe und wenn ich lache, liess er mich heute morgen, beim erwachen, wissen.

ich hoffe, ich kann mit meinem erlebnis anderen trauernden eltern mut machen, vielleicht auch mal ein medium aufzusuchen oder sich mit dem thema auseinander zu setzen..., das buch von frau zeier ist dabei besonders hilfreich!

 

donnerstag, 29. juli 04

mir gehts wieder besser. ich merke, dass ich angekommen bin hier in a.. was heisst schon 'besser'? ob andere menschen, die ein kind verloren haben, wohl auch dieses komische gefühl haben, wenn sie mal einige stunden, einen tag, nicht an ihr gestorbenen kind gedacht haben: eine mischung aus schlechtem gewissen und 'erleichterung'... eine art hoffnung auch, dass der schmerz also doch nicht immer so schwer sein wird? und in diesem hoffen dann doch auch wieder dieses komische schlechte gewissen. dieses 'aber ich darf doch gar nicht wieder glücklich sein!' eigentlich habe ich diesen prozess abgehäkelt gemeint...! denn im trauerumwandlungsseminar im herbst (bei dr. jorgos canacakis) habe ich lars' stimme ganz klar vernommen: 'mama, dein platz ist auf der erde, wo du gut und glücklich leben sollst!' ich weiss, dass ich mit pessimismus niemandem NIEMANDEM einen gefallen tue. lars nicht, mir nicht.... 

und doch: es ist wirklich vom grundgefühl anders in mir geworden! ich stelle fest, dass ich mich innerlich verändert habe. wenn ich in meinen tagebüchern lese (von 'früher', aus der zeit mit claudio*, als ich selber oft am lebenssinn zweifelte und das leben an sich mehr schwer als lebenswert fand), dass ich diese alten gefühle kaum mehr 'abrufen' kann. nur so theoretisch weiss, wie ich mich damals gefühlt habe. so, als würde mir jemand von sich erzählen. klar, ich kann es mir schon 'vorstellen', aber es ist nicht mehr mein gefühl! und das macht mich sehr froh! zumal ich ja jetzt rein theoretisch mehr grund für solche no future-visionen hätte: ohne meinen sohn zu leben, ohne arbeitsstelle... 

dafür habe ich in mir eine liebe zum leben entdeckt, und eben sogar lebensfreude immer mal wieder... und das wertschätzen all meiner freund/in/schaften... irgendwie kaum nachvollziehbar, dass es mir so geht... so gut geht... also, ich meine damit einfach dieses 'grundlebensgefühl'. auch wenn es mir auch immer mal wieder besser oder schlechter geht, aber soooo schlecht, also so, dass das grundzeichen vor meinem leben ein 'minus' ist (mathematisch gesprochen), eigentlich nicht mehr... nicht mal - trotz krise - um den jahrestag rum. dafür bin ich seeeehr dankbar!

 

freitag, 23. juli 04

noch immer spüre ich eine schwere, aber sie hat einen anderen geschmack bekommen. ich realisiere - alleine oder im gespräch mit anderen - wie sehr meine lebensaufgabe mit dem leben von lars verbunden war. meine identität irgendwie auch. lars' mama zu sein, war mein beruf! klar, diese erkenntnis ist an sich nichts neues, aber gefühle haben ja immer wieder eine andere 'dimension', werden vor einem anderen hintergrund wahrgenommen. 

an den abenden lerne ich anatomie für die zweite prüfung, die ich in zwei wochen ablegen werde. sie bildet dann den abschluss meiner 'klassische ganzkörper-massage'-ausbildung, die ich - als einstieg quasi für allfällige weitere ausbildungen in diese richtung - absolviert habe. (die mündliche und die praktische prüfung sind sehr gut gelaufen.) 

nun versuche ich mich mit medizinischen begriffen anzufreunden und die übergeordneten zusammenhänge von mitochondrien und ribosomen, von lymphdrüsen und blutplasma zu verstehen. je mehr ich mich mit dieser materie auseinander setze, desto faszinierender wird es für mich. was alles verbindet (oder fast alles....) ist der zellkern.... 

das bild des körpers, auf mutter erde übertragen, ist ein geniales gleichnis... alle haben ihre aufgabe, sind zwar anders, haben aber die gleiche grundinformation, nämlich zum gedeihen des ganzen organismus beizutragen. ob es deshalb (glaubens-)kriege gibt? weil die nierenzellen behaupten, auch die zellen aus dem mittelohr müssten doch eigentlich zur blutfiltration beitragen? ooops, da wird's dann sehr philosophisch!!! und dann merke ich: abolute wahrheiten kann es gar nicht geben, weil jeder nur aus seinem blickwinkel einen teil des ganzen sehen kann.... gefährlich wird's dann, wenn wir unser wahr-nehmen als wahr, als absolut wahr nehmen!!! und drum glaube ich, dass alles seine berechtigung hat, denn das anderssein durch unsere grundbauweise rechtfertigt unsere verschiedenen wahrnehmungen! die zwar wahr, aber eben nicht alles, nicht absolut sind.... und auch das ist nur ein ausschnit, mein ausschnitt, den ich für wahr halte.... :)

darum: wir alle brauchen einander...!!! dabei spüre ich: ich will in dieser welt, in diesem organismus mit meinen talenten ENDLICH(!) meinen (arbeits)platz finden... naja, der arbeitsmarkt ist ausgedorrt... zum glück kann ich für einen tag in der woche (oder anderthalb) einen massageraum mit-mieten, sollte mich endlich an die aufbau-arbeit machen... und doch: es ist eine art lähmung... der zündende funke fehlt.... warte ich auf den 'brief vom himmel', was ich mit meinem leben anfangen soll? nicht wirklich, denn wir sind zur eigenverantwortung berufen. 

 

donnerstag, 15. juli 04

three days after... irgendwie kann ich, was ich fühle, nur schwer in worte fassen. es ist eine kaum beschreibbare kraftlosigkeit und schlappheit und erschöpfung in mir... ich fühle mich deprimiert und bin dünnhäutig. ich weiss, dass das so sein darf. ich bin so nahe wieder am schmerz vom letzten jahr. der verlust von lars' nähe... so heavy... 

am montag am grab habe ich das ende des 'kleinen prinzen' vorgelesen. als ich von der leeren hülle vorlas, die der prinz auf der erde zurücklassen müsse, hatte ich so viele erinnerungen! an die gespräche mir lars zuerst, als er immer diese geschichte hören wollte. ich habe ihm erzählt, dass der kleine prinz drum soooo fest heimweh habe... wie er denn heim gehe, hatte mein kleiner sohn wissen wollen... eben... wie....? die hülle da lassend!!!!!

dann in der erinnerung die szene im rechtsmedizinischen institut: wie in einem billigen film. lars hinter glas. 'nur' seine hülle... mein bruder, der mich hält, ganz fest, und mir sagt, dass wir hier nur die hülle vor uns haben... 

am montag auf dem friedhof spüre ich, dass ich noch immer wegbegeleiter/innen habe, nicht alleine lars vermisse, nicht alleine traurig bin... es ist gut, das zu erleben. ich bin so dankbar für alle die menschen auf meinem trauerweg! DANKE!

 

sonntag, 11. juli 04

morgen ist lars' jahrestag, todestag.... ich lebe in einem sehr seltsamen schwebezustand. schmerz ist da. trauer. akzeptieren zwar, aber doch auch die sehnsucht, das bedürfnis, die uhr ein jahr zurück stellen und alles ungeschehen machen zu können. wissend zwar, dass das nicht geht und dennoch mich nach dem unmöglichen sehnen: dass lars noch lebt. dass lars lebt. ich meine: physisch! dass er noch immer lebt, aber einfach anders, ist für mich keine frage mehr.

morgen werde ich mit einigen freund/innen auf den friedhof gehen. nach bern. ich habe im internet nach trost gesucht, nach texten, die mich und die anderen trösten. obwohl es ja so ist, dass ich von lars noch immer am meistens trost erlebe. in mir ist eine leere, eine kraftlosigkeit, eine sehnsucht nach nähe zu lars. ein gefühl von verlorenem boden. als ich im wald war am nachmittag sah ich eine familie: mutter, vater und sohn. mama versteckte sich, junior sah sie hinter dem baum und jubelte: 'mama, ich habe deine jacke gesehen!' voller freude. grüsste mich mit strahlendem lachen, im vorübergehen, unbekümmert: 'ho-oi!' als wären wir alte freunde! er erinnerte mich so stark an lars und dessen wache offenheit, dass ich nachher weinend weiterspazierte. solche begegnungen zeigen mir, wie offen die wunde noch ist, wie tief der schmerz sitzt. ob das je nachlässt? das wetter ist wie vor vier jahren: ein kalter sommer. so habe ich lars geboren. in einer kühlen nacht kamen die wehen. am mittag war er dann geschlüpft... ins wasser geflutscht.... in dieser nacht, die anbricht... vor vier jahren... erinnerungen! ihr illusionen! und doch da. immer wieder. auch die an jene tage vor einem jahr... so nahe... 

 

dienstag, 6. juli 04

nun wohne ich also in a.. der umzug war zwar sehr anstrengend, aber die motivierte mithilfe von guten freunden und  verwandten waren gold wert. auch das putzen und abgeben der wohnung ging fliessend über die bühne. 

nun bin ich also da. in der stadt meiner kindheit... bin am 'ankommen' und fühle mich noch immer 'zwischen den welten' schwebend. nicht mehr dort, noch nicht ganz da. gestern war ich in bern, auch auf dem friedhof. die trauer ist zur zeit wieder stärker, jetzt, wo ich auch wieder mehr raum dafür habe.... jetzt auch wo das jahr sich bald vollendet hat, seit lars und claudio* gestorben sind. zwar ist da kaum mehr wut... aber es sind noch immer diese gefühle, diese fragen, wie es denn jetzt wäre, wenn... dieses vermissen...

seit mein junger kater lio bei mir eingezogen ist - vor einigen tagen erst - und ich oft mit ihm 'schmuse', stehen mir oft die tränen zuvorderst. wie hätte sich lars über lio gefreut! wie hätte er mit ihm gespielt! dieses nichtmehrhaben eines zustandes, der mal war... manchmal finde ich das einfach nur brutal!!!

ich bin froh, dass ich immer mehr gelernt habe und lerne, die zu sein, die ich bin, auch wenn's mir nicht so gut geht... und dass ich in einem haus, einer hausgemeinschaft wohne, mit menschen, zu denen ich offen sein kann. dieses sein zwischen nähe und intimsphäre, das hier gelebt wird, passt mir. ich fühle mich sehr wohl im haus. und doch: alles habe ich mitgenommen! meine geschichte ist auch hier meine geschichte. und auch hier bin ich auf arbeitssuche. und auch hier geht das leben weiter - ohne lars. dennoch ist er mir so nahe! das ist men grösster trost, immer wieder...

 

donnerstag, 24. juni 04

nur kurz ein gedanken aus dem bananenkistenland: warum kann sich ein mensch so schnell an neue umstände, an ein provisorium gewöhnen? an ein chaos sogar? weil da hoffnung ist, dass es sich 'irgendwann' ändern wird? ob wir ohne diese - wenn auch oft nur klitzekleine - hoffnung nach 'irgendwann' den tod unserer kinder 'überlebt' hätten? 
nur: ich will nicht für ein 'irgendwann' leben, sondern für jetzt. für mich. für meine mitwelt. ich will leben. gesund werden im herzen drin. obwohl ich mich - im countdown der packerei - oft sehr 'lädiert' und verletzlich fühle, auch wieder diese kurzatmigkeit habe wie letztes jahr, als lars gestorben ist... aber eben: da ist hoffnung... heute habe ich bei den 'engelkarten' (von findhorn) den 'engel des lichts' gezogen. es macht mich dankbar.

 

dienstag, 22. juni 04

der zügeltag rückt näher... noch vier tage hier! ich bin im packfieber... naja, fieber? doch, ja, irgendwie fühle ich mich 'krank', müde, ausgebrannt, traurig.... und jetzt ist es wirklich happig geworden. denn jetzt kommen eben so die kleineren sachen dran und so vieles ist mit lars verbunden! gestern, als ich alle bilder abgehängt habe (auch das grosse in der stube, das ich in der kappelle an der beerdigung aufgestellt habe) und die sachen auch wirklich auf mich wirken liess, auch aufgehängte karten nochmals las, musste ich soooo heulen..... auch die letzten bilder, die lars gemalt hat, den doppel-regenbogen, und en 'wieder gesunden' regenbogen... es tut so weh, und ich vermisse lars immer noch so sehr, und da sind wieder so viele fragen in mir... dieses 'warum'! naja... warum nicht! sagt eine weise bekannte... und doch...

gestern habe ich noch einen stein, den ich vor einem monat mal für lars gemalt habe, endlich lackiert, fürs grab: ich habe drauf geschrieben:

"lars, i vermisse di! i liebe di und i lohne di los. 
dini mama"

heute habe ich den 'legomanoggel' mit dem lustigen gesicht, den lars vor etwa einem jahr gebaut hat, eingepackt für den umzug. dabei ist er gebrochen (an zwei stellen), das hat mich völlig draus gebracht und eine welle von kraftlosigkeit und verzweiflung kam. ich merke, wie es mich weniger körperlich als seelisch anstrengt, dieses arbeiten und auflösen und so...

gestern war ich das dritte und letzte mal therapie-reiten, es war sehr schön, auch getrabt sind wir! und das alles 'freihändig', ohne sattel und ohne halteriemen!!! ich habe offenbar doch eine mitte, ein gleichgewicht in mir!!! das macht mir mut!

dann habe ich letzte woche  ein buch bekommen von einer schweizer frau, die medial arbeitet und den kontakt mit den verstorbenen erlebt und deren name mir nun durch das buch bereits das dritte mal begegnet. sie schreibt vor allem über all die vielen fragen, die menschen an medien haben, was sie können und wo die grenzen sind und so. auch fallberichte, aber einfach so normal, geerdet, natürlich, ungekünstelt. ich habe den starken eindruck, dass ich mal zu ihr gehen werde. sie hat eine homepage www.zeiko-center.ch.

 

donnerstag, den 10. juni 04

gestern abend habe ich den sternenhimmel betrachtet und  so sehr an lars gedacht. mir gewünscht, dass er mir doch zum geburi eine gruss schicken möge .. ich habe dann zu ihm gesagt, dass ich soooo gerne ein zeichen von ihm möchte... fast postwendend kam seine antwort in mein herz und das hat mich so berührt... es war so schön.

"mama, ich bin immer bei dir, vergiss es nicht.... es ist gut, dass du gehst (von hier, nach a. in die neue wohnung)... 
meine liebe mama, ich hab dich ganz fest gern!... 
es kommt gut... vertrau......
ich bin jetzt dein engel!"

das tut gut... dennoch, als ich heute morgen am frühstückstisch, den ich mir gestern abend mit blumen, kerzli und den gschänklis und so vorbereitet hatte, sass und die kärtli las, kam das heulen.... da müsste doch jetzt lars bei mir sein!!!!!!! das vermissen! 

dann sah ich sie wieder, diese worte, die ich mir gestern nach dem erlebnis mit der sternenhimmelbotschaft aufgeschrieben hatte....: "mama, ich bin immer bei dir!" also auch jetzt!

vor einem jahr hab ich ihn - zum ersten mal nach meinem umzug nach o. vier tage zuvor - in steffisburg abgeholt und zwar ausnahmsweise in der wohnung, weil ich noch einige sachen mitnehmen wollte... claudio* und lars hatten für mich (und auch sich) frisches brot gebacken..... das war herzig... das war mein letzter besuch in steffisburg, und zugleich auch die letzte freundliche begegnung mit claudio* (so viel ich weiss)... nachher wurde es immer schwieriger.... 

und einen monat und zwei tage später dann die explosion... manchmal kommt es mir so unglaublich vor und ich möchte den theatervorhang zufallen sehen und lars, der von hinter den kulissen zu mir gerannt kommt..... und alles wäre nur ein schlimmer traum gewesen..... apropos: ja, ich habe vor zweidrei tagen einen verrückten traum gehabt von uns dreien: ein wahres happy-end irgendwie: nämlich, dass die explosion 'nur' ein unfall (von jemand anderem) gewesen sei und dass lars und claudio* überlebt haben und dass claudio* ein ‚ganz neuer mensch’, geheilt von seiner 'psychischen krankheit', geworden war und endlich das leben gepackt hat und dass wir es gaaaaaanz schön hatten zusammen!!!!! aber nicht kitschig, es war ein ganz schöner traum... tja..... der traum vom glück... und doch: ich weiss nun, dass nur ich für mein glück verantwortlich bin, kein einziger anderer mensch!!!!!! auch nicht mein sohn!!! lars will, dass es mir gut geht! das ist ein riesiger trost!!!!!

 

donnerstag, den 3. juni 04

ich bin am packen. der zügeltermin rückt mit riesenschritten näher. ich habe mit dem keller (gestern) und dem estrich (heute) angefangen. genau vor einem jahr habe ich in steffisburg gepackt und gehofft, endlich mal an einem ort bleiben zu können. 'nur wer bereit zu aufbruch ist und reise, mag lähmender gewöhnung sich entraffen', sagt hesse. recht hat er. aber ich glaube, so schwer wie diesmal ist mir das packen noch nie gefallen. auf dem estrich stehen die kisten mit den spielsachen, kleidern und der bettwäsche von lars. ich konnte der versuchung, sie zu öffnen, nicht widerstehen. und fand die beiden 'lars-bücher'. aus A4-bögen, die wir an der schmalseite mit farbigen bändeln gebunden haben, entstand so eine wachsende sammlung mit all den bildern (sei es aus der zeitung, selbst gemalte oder auch fotos), die lars gerne 'iichläbe' wollte....

'mama, iichläbe!' so oft gehört!!! 

die bücher sind eine entwicklungsgeschichte aus lars' drei jahren. das zweite buch habe ich hier begonnen, nach der trennung und dem umzug... vor einem jahr also...  nach lars' tod, habe ich noch jene fotos eingeklebt, die die aufräumarbeiterInnen in steffisburg aus den trümmern retten konnten...

als ich heute diese bücher vom estrich in die wohnung trug, war mir, als sei das ganze eben erst passiert. die zeit dazwischen war wie ausgelöscht. ich erinnere mich kaum mehr, dass ich diese bücher verpackt habe, dass ich diese bilder noch eingeklebt habe.... es geht mir alles sehr nahe, der umzug wirkt auf mich, als würde ich vor lars davon laufen, ihn im stich lassen, ihn verlassen... und an einem anderen ort, wo er zuvor nie war, neu anfangen. seltsames gefühl, ich kann es nicht einordnen. ich spüre eine spannung in mir, die mich ziemlich aufwühlt...

und doch weiss ich, dass es not-wendig ist: der umzug. das los-lassen... habe von melissa* eine wunderbare postkarte bekommen: zwei hände mit drei eiern drin, darüber der satz: alles, was man über das leben lernen kann, ist in drei worte zu fassen: es geht weiter! und das stimmt für mich wirklich. voll!

 

mittwoch, den 26. mai 04

gestern war ich bei tamara*, einer nachbarin aus der steffisburger siedlung. unsere buben haben -  noch vor kaum einem jahr - ab und zu miteinander gespielt. für lars' grabumrandung wollte ich noch steine holen, und zwar an der zulg - an  lars' und meinem lieblingsfluss - die ja ganz in der nähe vorbeifliesst. tamara* und ihr dreijähriger sohn haben mich begleitet. ich war mir sehr wohl bewusst, dass ich mit dieser idee nochmals, oder einmal mehr, in meinen schmerzen rühre. ich war vor etwa zwei monaten, als das explodierte haus bereits fertig wiederaufgebaut, aber noch nicht verputzt und neu vermietet war, in steffisburg. damals fuhr mir alles sehr ein. gestern auch wieder. nun ist das haus schon bald einen monat wieder bewohnt, sieht aus wie zuvor und löst die illusion aus, als sei gar nichts passiert. nur die zufahrtsweg-baustelle erinnert äusserlich noch an die explosion. bei mir hingegen löste jede strassenecke die eine oder andere erinnerung an lars aus und noch immer frage ich mich, ob es denn wirklich wahr sein kann, dass ein so junges sprudelndes leben sterben kann!!!

wir drei haben uns gestern also auf den weg gemacht. es war für mich sehr aufwühlend, den herzigen sohn von tamara, der nun so alt ist, wie lars damals, als er starb, zu sehen.... mich an ihm zu freuen - an seinem plappern und singen und springen und plotschen - und zugleich lars so sehr zu vermissen!!! das tat verd... weh!!! weinen tut gut...!!! 

an der zulg, an der sonne, in den steinen, auf dem sand spüre ich die alte verbundenheit mit diesem platz, mit diesem fluss. ich finde schöne steine und am abend, nach der rückkehr, gehe ich zum grab und umrande lars' gärtli... es sieht so schön aus. aber es ist eine traurige schönheit... und ich spüre immer wieder dieses unverständnis... trotz all der prozesse des akzeptierens.... der schmerz ist da.


sonntag, den 16. mai 04

am donnerstag war ich mit melina* auf dem friedhof in u., wo claudio* bestattet worden ist. das erste mal seit der bestattung im juli 03. bis jetzt war ich auch nie mehr in dieser gegend. zuerst wollte ich mit dem auto gehen, habe mich dann aber sehr zerbrechlich gefühlt und dünnhäutig am morgen. so fuhr ich mit dem zug. wie oft ich doch früher diese strecke mit lars und claudio* gefahren bin! zu mamama und papapa (larsisch für die grosseltern). alles fuhr mir extrem ein. ich war irgendwie sehr verkrampft und versteinert innen drin. auch auf dem friedhof selber. ich habe fürs grab eine orange rose mit genommen. sie soll den eltern mein gefühl übermitteln, dass ich da war. dass ich ihrem sohn zu verzeihen beabsichtige. damals, bei der abdankung, habe ich eine orange rose ins urnengrab gelegt. mit der gleichen absicht. 

erst als ich wieder zuhause war, ging es mir wieder besser, obwohl es schön war mit melina* auszutauschen.

gestern weiterbildung. ein anstrengender tag. schliesslich habe ich dann am abend noch gebadet und gelesen. in einem roman aus der bibliothek. da ist eine junge frau, die ihre mutter mit drei jahren verloren hat. unvermittelt war ich mitten im schmerz. wieder. ich musste das buch zur seite legen. wie eine klammer ums herz war es. das vermissen. wieder diese szene vor dem inneren auge: als die polizisten kamen am morgen und mir mitteilten, dass sie lars tot gefunden haben. wieso hat er nicht irgendwie überleben können???? hatte ich gehofft, dass sie ihn lebend fänden? oder habe ich es gewusst? habe ich es verstanden? wirklich begriffen? akzeptiert, dass er nie wieder kommt??? ich konnte kaum mehr atmen. 

manchmal kommt mir mein bisheriges leben – nach lars’ tod – wie ein theater vor. obwohl: ich spüre mich so gut, ich erlebe mich so authentisch, ich reagiere so unmittelbar, so echt, wie ich das in der zeit mit claudio* nicht mehr konnte, da ich ja immer auf schadensminimierung bedacht war. und doch: alles war wie weg. das verstehen, das weiterleben, das akzeptieren. alles wie weg. nur noch der schmerz. habe ich mich bisher immer irgendwie am gedanken festgehalten, dass es sich doch noch herausstellen würde, dass er lebt? noch immer lebt? 

dann die szene im irm, als ich ihn identifizierte. wie er da lag, mein sohn. es tut verdammt weh, immer noch, immer wieder. ich möchte weinen. manchmal kommen einfach keine tränen. wie soll ich bloss ohne ihn weiterleben? mit dieser narbe, mit dieser geschichte. wieso hat lars nicht überlebt? die alten so oft gestellten fragen. und dann ich da auch das gefühl, dass er ganz weit weg ist.... obwohl ich ihn doch so oft so ganz nahe erlebt habe. nach seinem tod. und manchmal hatte ich ja auch das gefühl gehabt, immer so gelebt zu haben, als single, ohne ihn.... als sei sein erdenbesuch nur ein traum gewesen?! 

es tut weh! was soll ich nur tun? eigentlich bin ich gerne alleine, und ich habe jetzt auch gar nicht den wunsch, unbedingt mit jemandem zusammen zu sein. höchstens um über lars zu reden. aber im grunde, weiss niemand, wie ich mich fühle, wie sich das anfühlt. am ehesten noch andere trauernde eltern, die ein kind verloren haben... aber selbst sie wissen es nicht, so wenig, wie ich es genau für eine andere trauernde person weiss, wie sie sich genau fühlt. es ist wie bei der geburt von lars, als ich begriff, dass ich da nur alleine durch kann, bestenfalls mit optimaler hilfe von aussen. aber das gebären, das mussten lars und ich selber schaffen. und jetzt ist es ähnlich. auch der tod ist eine art geburt....aber da helfen mir jetzt alle erkenntnisse nicht weiter. der schmerz ist einfach da. das vermissen. die sehnsucht, mit ihm zusammen zu sein, zu lachen, zu spielen....


montag, den 10. mai 04

meine letzten tage waren sehr intensiv. ich merke, wie ich - ausgelöst durch die vielen träume mit lars und auch mit claudio* - wieder ganz nahe an meiner 'geschichte' bin. manchmal ist es einfach nur ein einziges grosses vermissen, trauer. aber es ist auch immer mal wieder wut und ich merke, dass das okay ist. die wut bleibt nie lange und ich weiss, dass ich auf einer tiefen ebene in mir drin verziehen habe. auf meiner ganz gesunden herzebene irgendwo. aber eben... 

am samstag war ich mit lea*, meiner schwägerin, auf dem friedhof. ich habe vor einigen tagen im gartencenter pflanzen gekauft fürs grab. und vier mittelgrosse weisse cachepots für die schönen dekosachen der trauergäste.  diesen teil der grabgestaltung hat dann lea mit viel liebe und respekt übernommen. ich habe derweilen alle die pflänzli rundum gesetzt: die vergissmeinicht, ein rotes röseli, lavendel (waländel, auf 'larsisch') und ein hauswürzlein.. und sonnenblumen gesät... das gemeinsame arbeiten war sehr intensiv für mich. wir haben an das jahr zuvor gedacht, als ich mit lars bei ihr und meinem bruder in den ferien war... und die ganze zeit hatte ich das gefühl, als würde lars neben uns stehen und uns zuschauen und sich freuen, dass wir sein gärtli, wie ich nun das grab nenne, so liebevoll gestalten.

vermoderte und vom wetter transormierte sachen haben wir dem kompost zur weiteren zersetzung übergeben, wissend, dass die energie der liebe der schenkenden menschen längst angekommen ist... die vielen mittelgrossen und ganz grossen steine habe ich als grabumrundung verwendet. dann war da noch das holzpuzzle, dass ich lars vor etwa zweieinhalb jahren ausgesägt hatte. mit seinen namensbuchstaben und seinen handabdrücken.... es war - weil die schuztfolie von wind und wetter - zerstört war, nicht mehr sehr schön und ich spürte, dass ich es vom grab entfernen sollte. ich nahm es vorerst nach hause. lea hatte dann die gute idee, dass ich es doch - statt einfach wegzuwerfen - dem feuer übergeben könnte... gute idee.

gestern hatten wir frauenritual-gruppe. ich nahm das puzzle mit und übergab es dem feuer, dass wir in einer höhle unter den wassserfällen entfacht hatten.

dieses neuerliche loslassen ging sehr tief: 
da sind so viele bilder und erinnerungen, zuerst einfach solche, die unmittelbar mit dem puzzle zu tun haben, dann aber auch andere und ich fühlte mich lars ganz nahe in meiner trauer. meine tränen haben platz. die anderen frauen, zum teil auch mütter, geben mir den raum, den ich für diesen abschied brauche und es ist gut, wie es ist. ich bin dankbar für dieses netz von frauen, von menschen allgemein, die mit mir ein stück weg gehen.

 

donnerstag, den 29. april 04

ich werde in ca. zwei monaten nach a. umziehen und freue mich sehr auf diesen neuanfang. da ich arbeitslos bin, suche ich nun gezielt dort eine stelle und hoffe, dass da die beste türe für mich aufgeht.

heute nach habe ich mal wieder von lars geträumt: es war im elternhaus. ich weiss nicht mehr, wer alles da war, aber jedenfalls war ich mit claudio* und lars dort. lars war etwa so alt, wie er war bei seinem tod. er war ganz übermütig und rannte auf der terasse herum. er kletterte auf das flachdach über der werkstatt und rannte – als ob er fliegen könnte – drauf herum. es ging blitzschnell. ich konnte nicht eingreifen als er - wie von einer schanze - einfach so runter sprang, oder besser flog, und dann unten (ich blickte erschrocken herunter) einfach weiter rannte und flog, grad noch den terrassierten garten eine weitere stufe und dann noch eine runter, auf die wiese, wo er immer wieder weiter hüpfte. keinen schaden nahm, obwohl doch die werkstatt sicher drei meter hoch ist! im gegensatz zu mir, die ich in diesem alter ja auch so weit stürzte und beinahe starb, machte er quitschfidel weiter in seinem spiel. als sei er unsterblich. und das ist vermutlich die botschaft dieses traumes. die beschränkung ist nur im physischen leib. und drum – weil er ja nicht mehr pysisch beschränkt ist – konnnte er das machen? und ich: bin auf beiden seiten. hier, noch physisch, und auch dort, meta-physisch... es gibt diese trennungen gar nicht mehr.

heute habe ich gedacht, dass ich erst durch lars' tod den wert des lebens zu erfassen begonnen habe und erst jetzt gerne zu leben begonnen habe. schon krass. aber ich habe auch von anderen eltern, die kinder verloren haben, ähnliches gehört.....

vom trauerseminar  (jorgos canacakis) habe ich nun auswertungs- und nachbearbeitungsaufgaben bekommen und da gibts eine frage, die wir uns stellen sollen: wie hätte ich mir mein leben mit dem kind weiter vorgestellt. da muss ich schon mal leer schlucken und mich fragen: wie hätte es ausgesehen, wenn sich claudio*alleine umgebracht hätte, ohne lars... oder aber, wie hätte es ausgesehen, wenn beide noch am leben wären? wäre claudio* 'geheilt' worden, dh. hätte er sich endlich therapieren lassen? oder wäre es im gleichen stil weiter gegangen? irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen... eher noch die erste variante. allerdings wäre dann ja auch der tod claudios* zu verarbeiten gewesen, mit lars.... naja.... aber ich glaube, dass wir es geschafft hätten. 

wenn ich kindergartenkinder am haus vorbei gehen sehe, denke ich oft, wie es wäre, wenn lars (in einem jahr dann) mit ihnen zusammen herum getollt wäre. er hat hier letztes jahr richtig mit freundschaften schliessen angefangen... die kinder haben ihn vermisst und waren mir gegenüber dann auch ziemlich verunsichert nach lars' tod. ich habe damals oft mit der ganzen schar im sandkasten gehockt und mitgespielt..... naja, das vermisse ich wirklich sehr: dieses zusammensein, diese greifbare nähe zu und mit ihm...


freitag, den 23. april 04

die ruhe nach dem sturm. der bericht ist nun  in der zeitung erschienen. und obwohl ich den text ja im voraus ein paar mal gelesen habe, war ich am sa.-morgen beim zeitunglesen doch ziemlich erschüttert, es nochmals schwarz auf zeitungsweiss zu lesen. uff. ja und seit die homepage im netz ist und alles läuft, habe ich wieder zeit zum trauern. ja, da ist sie wieder, die trauer, der verlust, der schmerz, ... bin nun wieder aus der anspannung und 'oberflächlickeit' sehr an die gefühle ran gekommen und es kommen ja auch reaktionen zum artikel und zur homepage... so dass ich nicht anders kann, als wieder bei den gefühlen zu sein, sie anzuschauen, zu zulassen, das unterbewusste und verdrängte wieder step by step hoch an licht lassen... ist auch gut so. alles, was ich anschaue, kann ich loslassen, ziehen lassen. auch wenn ich im tagebuch vom letzten frühling lese, wie es war, als ich noch in steffisburg lebte. mit lars. mit claudio*. was ich alles ausgehalten habe... was lars alles aushalten musste!!!!!!!!!! es tut mir leid, wie unzulänglich wir waren. und doch: ich muss mir verzeihen, immer wieder. habe gestern mit sophia* geredet, dass wir immer, wenn jemande stirbt, den wir sehr geliebt haben, dieses gefühl kommt, nicht genug, oder das falsche, getan zu haben. es ist normal, aber ich will nicht da bleiben. mir verzeihen. 

 


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